Wien von oben - die Stadt auf einen Blick. Die Ausstellung im Wien Museum will BesucherInnen ermun­tern, die Stadt mit anderen Augen zu sehen und sich aktiv in deren Darstellung einzubringen.

Ein Blick auf Wien wird aktuell gerade sehr kontrovers diskutiert: Der vom Belvedere auf die Innere Stadt. Dabei streifen wir das Heumarkt-Areal mit dem Hotel Intercont, das städtebaulich aufgewertet werden und dabei einen nach Ansicht mancher Menschen zu hohen Hotelturm erhalten soll, wodurch Wien den Status als UNESCO Weltkulturerbe verlieren könnte.

Die bis September laufende Ausstellung "Wien von oben - die Stadt auf einen Blick" im Wien Museum beleuchtet umfassend, wie Wien, die Sicht auf Wien, die technischen Möglichkeiten und die Mitgestaltungsmöglichkeiten der WienerInnen sich verändert haben.

In der Ausstellung können Sie ganz aktuelle Innovationen ausprobieren: Beispielsweise das an der TU Wien entwickelte Seilsystem Jumpcube mit 3D-Brille und Kopfhörern erforschen oder mit dem Panoramaterminal Zacturn Sphere die Stadt digital überfliegen und unter dem Hashtag #wvo17 die Instagram-Challenge des Wien Museums rocken.

 

Das finden Sie hier:

"Wien von oben - die Stadt auf einen Blick" in 4 Kapiteln

Geht das überhaupt: Wien auf einen Blick? Diese vielfältige Stadt ist so facettenreich, komplex und groß, dass Darstellungen immer nur Teile und ausgewählte Aspekte erfassen können. Das war vor 500 Jahren so und ist aktuell nicht anders.

Kapitel „Vermessen und Darstellen“

Stadtansichten und Pläne befinden sich stets im Spannungsfeld zwischen Vollständigkeitsanspruch und Fragmentierung, zwischen Wirklichkeitstreue und Ideal. Sie sind, wenn auch in unterschiedlichem Maß, eine Mischung aus Abbild und Sinnbild, also stets Konstrukte zur einfacheren Erfassung der komplexen Wirklichkeit.

Selbst bei detailgetreu wirkenden Vogelschauen wurde und wird notgedrungen die Realität mehr oder weniger kunstvoll reduziert, die oft mit einer Idealisierung und Harmonisierung daherkam. Auch die genauesten modernen Stadtpläne bilden nie das „reale“ Territorium ab, sondern sind interessengeleitet und selektiv. „Gerade dieser Umstand macht die Resultate der verschiedenen Versuche so spannend“, so die AusstellungskuratorInnen Sándor Békési und Elke Doppler. „Denn die immer partiellen Wahrheiten reflektieren Politik, Ideologie, Technologie und Ästhetik ihrer Entstehungszeit.“

Besonders interessant ist der Umgang mit den Grenzen der Stadt, denken wir an die sich ständig erweiternde Stadt und die Suburbanisierung. Bis 1850 bestand Wien offiziell aus dem heutigen Ersten Bezirk, juristische, fiskalische oder polizeiliche Grenzen reichten aber bereits weit darüber hinaus. Aus Sicht der Verwaltung besteht die Stadt trotzdem als kontrolliertes, in sich geschlossenes Gebiet.

Kapitel „Repräsentieren und Idealisieren“

Hier liegt der Fokus auf der Schaffung von Images gelenkt. Städtebilder hatten seit dem 16. Jahrhundert häufig eine repräsentative Funktion. Befestigungspläne und Schlachtenbilder sollten zum Beispiel die Stadt als uneinnehmbare, siegreiche Festungsstadt präsentieren.

Die berühmten Veduten wiederum sind nicht nur präzise Abbilder der Stadt, sondern gleichzeitig identitätsstiftende Konstruktionen mit hohem politischem Symbolwert – und damit sind wir im Heute, wie man an den Diskussionen über das Stadtbild sehen kann, in denen die Bewahrung des Bellotto-Blickes beschworen wird. (Bernardo Bellotto, genannt Canaletto)

Idealtypisch waren der Blick vom Leopoldsberg bzw. Kahlenberg, wobei hier die umgebende, idyllische Landschaft buchstäblich in den Vordergrund tritt und die Stadt nur aus der Ferne erkennbar ist.

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Wien aus der Vogelschau vom Getreidemarkt aus, 1904. Erwin Pendl © Wien Museum

Nicht nur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten Wien-Veduten einen ungeheuren Aufschwung, auch Künstler im 20. und 21. Jahrhundert greifen den Blick von den Wiener „Hausbergen“ auf. In Hermann Kosels Entwurf für ein Fremdenverkehrsplakat aus dem Jahr 1936 stiehlt die soeben fertig gestellte, prestigeträchtige Höhenstraße (mit flitzendem Cabrio) zu Füßen des Betrachters der in der Ferne liegenden Stadt beinahe die Show. Einen düsteren Ausblick vom Leopoldsberg zeigt eine Fotoarbeit des deutsch-amerikanischen Künstlers Florian Maier-Aichen, die für die Ausstellung entstand und vom Verein der Freunde des Wien Museums für die Sammlung angekauft wurde: Aufgenommen aus einem Helikopter aus 1200 Metern, zitiert die schwarz-weiße, surreal verfremdete Negativansicht Elemente klassischer Landschaftsdarstellungen.

Vor allem im Bereich der kommerziellen und touristischen Vermarktung spielen repräsentative und kanonisierte Darstellungen von Wien bis heute eine große Rolle. Gleichzeitig können sich Stadtbilder, die bestimmte Ereignisse wie Erdbeben oder Krönungszeremonien darstellen oder in nostalgischer Absicht ein bestimmtes Bild der Stadt konservieren wollen, in das kollektive Gedächtnis einschreiben.

Kapitel „Beherrschen und Ordnen“

Die Exponate dieses Abschnitts reichen von der Belagerung durch die Osmanen bis Entwürfen von Hans Hollein und der arbeitsgruppe 4. Einige besondere Highlights sind der Meldeman-Plan(https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Meldemann) oder die berühmte Vogelschau des Niederländers Folbert van Ouden-Allen.

Eine bislang unbekannte Karte über „Hofquartiere“ (Dienstwohnungen für Bedienstete des Kaiserhofs) aus dem Jahr 1748 stellt die erste Aufnahme Wiens mit einer vollständigen Häusernummerierung dar. Mit der wachsenden Stadt und der zunehmenden Mobilisierung gerät die Orientierungsfunktion von Karten zunehmend in den Mittelpunkt. Damit kommen wir in den Bereicht der Stadtplanung und Stadtentwicklung.

Wussten Sie übrigens, dass bereits im 18. Jahrhundert Stadtpläne verfälscht wurden, um militärische Geheimnisse zu schützen? Da fallen uns vielleicht Parallelen zum GPS-System ein, deren Daten während der Nahost-Kriege von den Amerikanern teilweise verfälscht wurden, um feindlichen Kräften die Orientierung zu erschweren.

Kapitel „Emanzipieren und Experimentieren“

Lange Zeit war der „Blick von oben“ ein privilegierter. Mit dem gesellschaftlichen Wandel und den technischen Möglichkeiten wurde diese historische Konstante deutlich verändert. Nie war der mediale Blick auf die Stadt in ihrer „Gesamtheit“ so alltäglich und allgegenwärtig wie heute. Ist er aber im selben Maße demokratischer geworden?

Ein aufschlussreiches Beispiel für die Individualisierung von Stadtdarstellungen ist in der Ausstellung unter anderem ein Konzeptkunstprojekt von Olga Kraft aus dem Jahr 1984 zu nennen. Die damalige Studentin verzeichnete auf zwölf Monatsblättern sämtliche individuellen Wege in der Stadt ein Jahr lang, Tag für Tag.

Heute sind sogenannte Counter-Maps mit alternativen Informationen, die bislang Unsichtbares ins Stadtbild einfügen, selbstverständlich geworden. Von der „Schleichwege“-Karte der Radfahrer- Organisation ARGUS aus dem Jahr 1984 beweist bis zu den aktuellen digitalen „Heat-Maps“, etwa jene der Bike Citizens Österreich, die die anonymisierten Daten von RadfahrerInnen in Wien nützt, um die tatsächlich genutzten Straßen und (Rad-)Wege darzustellen – ein interaktives Verfahren, das auch der Stadtplanung wertvolle Informationen liefern kann.

Im Rahmen des Kooperationsprojekts mit der Akademie der Bildenden Künste Wien und mit dem Bundesoberstufenrealgymnasium Landstraßer Hauptstraße nähern sich SchülerInnen und Studierende in ihren Mental Maps der Stadt eher vom Grätzl und vom Rand her. Besucherinnen und Besucher haben schließlich die Möglichkeit, ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema einzubringen. Im Laufe der Ausstellung entsteht mit der „Karte der Gefühle“ ein Verzeichnis jener Orte, an denen Wien besonders lustvoll, gefährlich, freudig oder ärgerlich ist. Einen interaktiven Schlusspunkt setzt der Lego-Tisch in Wien-Form, ein Kunstwerk von Jun-Yang, das zum Mitspielen einlädt.

Vermittlungsprogramm, Instagram-Präsentation, „Jumpcube“

Im Metroverlag erscheint zur Schau ein 240-seitiger Katalog. Und das Wien Museum hat mit der Ausstellung eine Instagram-Challenge unter dem Hashtag #wvo17 gestartet, deren besten Fotos in einer gesonderten Präsentation im Erdgeschoß gezeigt werden. Kooperationspartner sind Instagramers Austria, Instagramers Vienna, Fabolus_Vienna.

Wann & wo?

Ausstellungsdauer: 23. März bis 17. September 2017
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 10 bis 18 Uhr
Ausstellungsort: Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien

Eintritt

Erwachsene: EUR 10,-
ermäßigt EUR 7,- (SeniorInnen, Wien-Karte, Ö1-Club, Menschen mit Behinderung, Studierende bis 27 Jahre, Lehrlinge, Präsenz- und Zivildiener, Gruppen ab 10 Personen)

Jeden ersten Sonntag im Monat für alle BesucherInnen – Eintritt frei!

BesucherInneninfo: Telefon +43 1 5058747-85173, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Web: www.wienmuseum.at

Links

Bildnachweis: © Wien Museum tags: ausstellung, kultur, panorama, plan, stadtentwicklung, stadtplan, wien, #wohnblogAt 

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